Mut zu Veränderungen    

Koch: „Wissenschaft braucht gerade in schwierigen Zeiten Vertrauen und breiten Rückhalt.“    


Foto: BeAStarProduktions

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hat eine konstruktive Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems angemahnt. „Die Aussicht an sich, selbstbestimmt zu forschen und zu lehren, ist und bleibt attraktiv. Trotzdem kehren nicht zuletzt angesichts unsicherer Karriereaussichten immer mehr Talente der Wissenschaft den Rücken. Hier müssen wir ansetzen“, erklärte DHV-Präsident Professor Dr. Dr. h.c. Lambert T. Koch anlässlich des 75. DHV-Tags in Berlin. „Es geht um eine maßgebliche Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses, aber auch um die Hebung nicht ausgeschöpfter Personalreservoirs.“ Der Unterrepräsentanz von Frauen gerade in akademischen Spitzenpositionen könne beispielsweise stärker durch familiengerechte Arbeitsbedingungen an den Hochschulen entgegengewirkt werden. Hierzu gehörten u. a. Hilfen bei der Kinderbetreuung, flexible Teilzeitlösungen und die Lockerung von dienstrechtlichen Altersgrenzen ebenso wie der Ausbau von „Tenure Track“-Modellen, die eine Karriere im deutschen Hochschulsystem planbarer und international anschlussfähiger machten.

Um Personalengpässe an deutschen Hochschulen abzufedern, sind aus DHV-Sicht weiterhin vereinfachte und beschleunigte Visa-Vergabeverfahren für auswärtige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler notwendig. „Nicht nur Hochschulen, sondern Staat und Gesellschaft als Ganzes sind gefordert, ihre Willkommenskultur konsequent fortzuentwickeln“, hob Koch in diesem Zusammenhang hervor. „Wissenschaft, Weltoffenheit und Willkommenskultur sind eng miteinander verknüpft. Rassistisch motivierte verbale und physische Gewalt, die auch internationale Studierende, Forschende und Mitarbeitende an Hochschulen trifft, läuft diesen Werten diametral entgegen, ihr muss deshalb auf allen Ebenen konsequent begegnet werden.“

Eine weitere Gemeinschaftsaufgabe besteht dem DHV zufolge darin, sich schützend vor Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu stellen, die wegen ihrer wissenschaftlichen Positionierungen angefeindet oder angegriffen würden. Es bleibe wichtig, dass sich diejenigen, die mit ihrer Expertise den öffentlichen Diskurs versachlichen, in ihrem Engagement nicht entmutigen ließen. Der Versuchung, mit Wissenschaft unmittelbar Politik machen zu wollen, müsse widerstanden werden. „Wissenschaft ist auf der Suche nach Wahrheit, ohne diese je zweifelsfrei für sich beanspruchen zu können. Sie kann für gesellschaftliche Streitfragen evidenzbasiertes Wissen zur Verfügung stellen, an dem die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger mit unabdingbaren Wertungen und Interessenabwägungen anknüpfen können – nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Wissenschaft brauche Vertrauen und breiten Rückhalt, gerade in so herausfordernden Zeiten wie sie es aktuell seien, so der DHV-Präsident weiter. Dafür bedürfe es einer transparenten Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. „Vertrauen bildet die Basis dafür, dass Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen wertgeschätzt und unterstützt werden.“

Ausdrücklich begrüßte Koch Initiativen, den unreflektierten Einsatz von Metriken in der Leistungsbewertung zurückzudrängen: „Der DHV bekennt sich klar zu wissenschaftlicher Exzellenz, zu Leistung und zu Wettbewerb. Der Wert und die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse beruhen aber auf differenziertem Abwägen statt standardisiertem ,Abwiegen‘.“ . In der Wissenschaft muss wieder mehr inhaltlich beurteilt und weniger gezählt werden.“ Das Einwerben von Drittmitteln sei verdienstvoll, aber eben doch kein valider Prädiktor für hochkarätige Forschung. Ebenso wenig könne die gegenwärtige Fixierung auf Publikationszahlen und Zitationsindizes eine inhaltliche Bewertung von Veröffentlichungen ersetzen. Es sei daher richtig, bei Förderanträgen bzw. für Berufungsverfahren Publikationslisten auf aussagekräftige Veröffentlichungen zu beschränken und diese einer vertieften inhaltlichen Prüfung zu unterziehen.